Ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern kommen aus Polen. Diese Antwort gab ich immer dann, wenn ich in der Schulzeit nach meiner Herkunft gefragt worden bin. Schaue ich heute auf diese Aussage zurück, erscheint sie mir als sehr diplomatisch, fast schon wie eine Phrase „die niemandem wehtut“. Ich frage mich, warum ich so geantwortet habe. Warum habe ich es nicht genauer erklärt? Aus Faulheit? Aus Scham? Aus Anpassungsgründen? Wahrscheinlich stimmt da alles. Vermutlich wollte ich weiteren Fragen oder Kommentaren aus dem Weg gehen, wenn ich gesagt hätte, dass meine Eltern aus Schlesien kommen.
Andererseits würde Anpassung auch bedeuten zu sagen Ich? Ich bin Deutsche oder zumindest Ich bin im Ländle daheim, also bin ich Schwabe, das ging mir aber nie ehrlich über die Lippen. Klar war ich kein „Rebell“ und wollte doch immer meine Zugehörigkeit bekunden. Der Klassiker…: Es ist WM? Natürlich bin ich für Deutschland. Ich habe da nicht gelogen, aber das ist natürlich auch nicht alles, auch, wenn die Loyalität zur Mannschaft manchmal als „Integrations-Barometer“ (miss-)verstanden wird.
Es gab immer wieder Momente, in denen ich mit meinem Geburtsland gefremdelt habe. Dann hat sich dieses Land nicht nach zuhause angefühlt, nicht nach meiner Heimat. Allerdings fühlte es sich dann aber auch genauso falsch an, zu sagen: Ich? Ich bin Polin. Aufgrund meiner gemischten Familiengeschichte hätte ich damit nicht gelogen, aber bin ich automatisch das, was meine Vorfahren waren? Ich glaube nicht. Das wurde mir in meinem Auslandsjahr in Breslau so richtig deutlich, das heißt immer dann, wenn sich mein hartnäckiger deutscher Akzent bemerkbar machte. Genauso komisch wäre es für mich zu sagen Ich? Ich bin Oberschlesierin. Das nicht aus Aversion heraus! Vielmehr, weil das für mich keine Kategorie war, sondern ein Gefühl, das mich manchmal erfasste. Zum Beispiel immer dann, wenn mein Opa „Kartofle und Maślonka“ für mich machte oder meine Mama mir zurief Pódź dziecko!. Es war mein Gefühl, das niemand verstand und das nur mir gehörte.
Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass ich doch immer ein bisschen von allem bin. Der Historiker Prof. Dr. Jannis Panagiotidis beschreibt dieses Gefühl als spezifische Identifikationskategorie vom „Dazwischen-Sein“, das vor allem bei Spätaussiedlern zu beobachten ist und von Selbst- und Fremdzuschreibungen bestimmt wird. Als was ich mich beschreibe, kann sich je nach Kontext verschieben. Die Forschung bezeichnet dieses Phänomen auch als „situative Identität bzw. Ethnizität“.[1]
… Das scheint wohl unsere große Besonderheit zu sein? Andere würden es bestimmt als Opportunismus beschreiben, immer das zu sein „was einem gerade passt“. So einfach ist es aber nicht! Die Lebenswelt von Spätaussiedlern und Spätaussiedlerinnen bewegt sich oft in einem Spannungsfeld „[…] aus lokaler Integration in Deutschland, regionaler Verbundenheit zu Oberschlesien und Sozialisierung in Polen […].“[2] Vereinfacht gesagt: Man hat sich an die neue Heimatregion angepasst, sich dabei neue Bräuche und Traditionen angeeignet. Das gibt uns das Gefühl der Verbundenheit mit Deutschland. Andererseits erhält man sich alte Traditionen und Gewohnheiten, wie den schlesischen Dialekt oder den „Opłatek“ zu Weihnachten. Gerade unsere Eltern und Großeltern sind zusätzlich geprägt von ihrer Jugend im (sozialistischen) Polen, die manchmal sehr negativ erinnert wird, dann doch auch nostalgisch.
Mit all dem wird die jüngere Generation, bewusst oder unterbewusst, konfrontiert. Es ist ein Leben zwischen „Zugehörigkeit“ und „Abgrenzung“, gewissermaßen ein gelebter Kompromiss, in dem immer wieder abgewogen wird, das behalte ich und das nicht, das greife ich nicht wieder auf und diese Tradition will ich wieder beleben…
…Was nehme ich davon jetzt mit? Vielleicht sollte ich die Frage nach meiner Herkunft zukünftig anders beantworten: Ich bin Spätaussiedler-Kind: Ein bisschen Ausländer halt!
[1] PANAGIOTIDIS, Jannis: Fazit; in: Informationen zur politischen Bildung 2 (2019), S. 68-69, hier: S.69, online: (Spät-)Aussiedler in der Migrationsgesellschaft | bpb.de (zuletzt eingesehen: 08.07.2026).
[2] OTTO, Marius: (Spät-)Aussiedler aus Polen; in: Ebd., S.44-55, hier: S.48.
Was ist deine Meinung dazu? Fühlst du dich auch manchmal im „Dazwischen“? Teile es mit uns!
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