Ich kam am Wohnheim in Gammelshausen – früher ein Hotel – an, wohnen sollte ich mit zwei anderen Männern im Zimmer, einer kam aus Ungarn. Das Taxi setzte mich ab, ich stand dort. Ich ging 100m in die eine Richtung und 100m in die andere Richtung. Es gab nichts. In diesem Moment dachte ich mir „Wo bist du hier gelandet?“.
Diese Anekdote erzählte mir mein Großvater von seiner Ankunft im Schwabenland… besser gesagt in einem kleinen Kaff, was sich für ihn als Großstädter, wie der kleinste Ort der Welt anfühlen musste. Paar Wochen zuvor stand er noch in Zabrze – der Heimatstadt meiner Familie – am Bahnhof und hatte sich von meiner Oma, meiner Mama und anderen Verwandten verabschiedet. Der Tag, an dem sich mein Opa verabschiedet hatte, den wussten noch alle ganz genau. Nicht aus einer überschwänglichen Sentimentalität heraus, sondern gewissermaßen aus „regionalem Patriotismus“ heraus: Es war der 04. Dezember 1987, Tag der Heiligen Barbara – Schutzheilige der Bergleute – und die damit wohl wichtigste Schutzheilige in Oberschlesien.
Meine Großeltern hatten sich gemeinsam dazu entschieden, dass mein Opa als erster fahren sollte, meine Mama wollte noch unbedingt ihre Abiturprüfungen beenden – Die Ausreise der vielen Spätaussiedler erscheint wohl nur in der Nachschau als „großer Exodus“, manchmal war sie doch eine ganz einsame und stille Angelegenheit.
Mein Großvater fuhr zu einem Verwandten, offiziell nur „na Besuch“, inoffiziell plante mein Opa zu bleiben. Immer habe ich mich gefragt, wie es sich für meinen Opa angefühlt haben muss den „Schein“ aufrechtzuerhalten. Wie mag es sich wohl angefühlt haben, guten Arbeitskollegen und Freunden nicht Lebewohl sagen zu können, nicht zu wissen, wann man sich wieder sieht, ob man sich je wieder sehen wird, ja wie lange es dauern könnte, bis man die eigene Familie wieder um sich hat.
Mein Opa hat mir auch von dem mulmigen Gefühl erzählt, das er hatte als er vor dem Aufnahmelager in Friedland gestanden hatte – reinzugehen hat in viel Überwindung gekostet. Verständlich ein ja oder ein nein hätte alles weitere bestimmt. Mein Opa durfte bleiben. Er bat darum nach Baden-Württemberg zu kommen, weil dort schon sein Bruder und seine Schwägerin lebten.
Ich glaube, die Tatsache, dass mein Opa allein war aber doch nicht ganz allein half ihm sehr. Er hat zwar nie direkt darüber gesprochen, allerdings hat er erwähnte, dass er froh war, das erste Weihnachtsfest im neuen Land nicht ganz alleine feiern zu müssen. Ich glaube die Festtage können in solchen Situationen die Tage sein, an denen man sich am einsamsten fühlen kann. Auch meine Mama und meine Oma haben dieses Weihnachten in besonderer Erinnerung behalten – Der ganze Abend sei davon geprägt gewesen sich zu umarmen und sich die Tränen zurückzuhalten….
…. Aus heutiger Sicht erscheint mir die Entscheidung meiner Großeltern mutig, auch wenn sie selbst es wahrscheinlich nie so gesehen haben.

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